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Feierstunde zum Volkstrauertag am 15. November 2009
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Der Heimatverein Odenkirchen veranstaltete die zentrale Feierstunde für Odenkirchen zum Volkstrauertag, diesmal auf dem kath. Friedhof an der Wiedemannstraße. Sieht man vom regnerischen Wetter ab, war dies die niveauvollste Feier seit Jahren. In seiner sehr gehaltvollen Festansprache ging Horst Imdahl vom Kirchenvorstand St. Michael auf die vielfältigen Aspekte des Volkstrauertages ein. Wir geben seine Rede unten bewusst in voller Länge wieder.
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Festansprache von Horst Imdahl Sehr
geehrte Damen und Herren, vielen
Dank, dass Sie der Einladung unseres Heimatvereins zur Gedenkstunde anlässlich
des Volkstrauertages hierhin auf unseren Friedhof gefolgt sind und damit den
Opfern beider Weltkriege, den gefallenen Soldaten, den Verwundeten, den
Verfolgten und Vertriebenen, den Verstümmelten und Entstellten, aber auch den
Opfern von Gewalt, Willkür, Unmenschlichkeit und Machtstreben Ihre -
unsere Wertschätzung und unsere Anteilnahme zum Ausdruck bringen. Der
Volkstrauertag ist ein besonderer Tag. Er ist - anders als Allerseelen und der
Totensonntag - nicht unbedingt ein Tag des persönlichen Trauerns. Er ist ein
Tag des Innehaltens, der Besinnung und des Erinnerns, ein Tag des Rückblicks,
ein Tag der Konfrontation mit unserer Vergangenheit. Obwohl der 2. Weltkrieg vor
über 60 Jahren zu Ende gegangen ist, ist er immer noch kein abgeschlossener
Teil unserer Vergangenheit. Denn diese Vergangenheit verpflichtet uns in besonderem
Maße, uns gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit und für
Freiheit, Gerechtigkeit und ein Leben in Frieden einzusetzen. Der
Rückblick in die Vergangenheit gibt uns Orientierung für das Handeln in der
Gegenwart. Weil wir den Krieg
nicht vergessen, übernehmen wir Verantwortung für den Frieden. Insofern
hat sich der Volkstrauertag in seiner Bedeutung zum Friedenstag, zum
Friedensmahntag entwickelt. Frieden:
Seit über 60 Jahren haben wir in West- und Mitteleuropa Frieden, haben uns vom
Thema Krieg
Jahr für Jahr entfernt. Frieden ist für uns selbstverständlich geworden. Der
Friede - auch im Kleinen - ist aber keine Selbstverständlichkeit, sondern er braucht Bürgerinnen
und Bürger, die sich ihm verpflichtet fühlen, die ihn stiften, zu Hause in der
Familie, im Verein, in Gruppen, in der Gesellschaft. Hierfür können wir alle
Verantwortung übernehmen, jeder Einzelne und wir gemeinsam, hierfür müssen
wir alle Verantwortung, Mitverantwortung übernehmen. Frieden
ist eine Art zu sein, zu handeln und zu leben in einer Gesellschaft. Und
damit müssen wir schon bei unseren Kindern beginnen. Kinder sind der Schlüssel
zu einer friedlichen
Zukunft. Denn Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Er entsteht aus
der Art und
Weise, wie man Konflikte friedlich schlichtet und löst. Er besteht aus
vielerlei positiver Werte und Einstellungen. Der
Mitverantwortung für den Frieden gerecht zu werden, bedeutet dann aber auch,
die eigenen Wünsche und Interessen, das
eigene Vergnügen, den eigenen Spaß einfach mal zurückzustellen. Wer das
erkennt, hat plötzlich mehr Zeit für wirklich wichtige Dinge, für neue
Schwerpunkte und für die Werte, auf denen unser Zusammenleben in einer
christlichen Gesellschaft aufbaut: Achtung, Verständnis,
Hilfsbereitschaft und Verantwortung für den Mitmenschen. An
dieser Stelle möchte ich an den Vorfall in München-Solln erinnern, wo ein
Einzelner genau diese Tugenden gezeigt hat und selbst Opfer wurde. Auch seiner
sollten wir heute in Dankbarkeit gedenken. Wir
sollten aber auch die über 70 Soldaten in unser Gedenken einschließen, die
fern der Heimat bei den Auslandseinsätzen der Bundeswehr im Einsatz für
Frieden, Freiheit und Recht, wie es der damalige Bundesminister der
Verteidigung, Dr. Franz Josef Jung, anlässlich einer Trauerfeier formuliert
hat, gefallen sind. Sehr
geehrte Damen und Herren, warum
hat der Volkstrauertag seine frühere Bedeutung und Anerkennung, seine Akzeptanz
und Unterstützung in der Bevölkerung scheinbar verloren? Warum? Gleichgültigkeit?
Unkenntnis, fehlendes Geschichtsbewusstsein? Fehlende oder falsche Erziehung?
Fehlende Bildung? Fehlende Werte? Fehlende Sehnsucht nach Frieden? Fehlende
Solidarität mit den immer noch Trauernden? Fehlendes Mitgefühl? Verlust der
Menschlichkeit? Fehlende Fähigkeit zu trauern? Verrohung der Sitten? Bis
Mitte letzter Woche hätte wahrscheinlich jeder von uns viele dieser Fragen mit
Ja beantwortet. Doch dann wählte der Torwart der Fußballnationalmannschaft den
Freitod. Am Tag danach musste eine Trauerandacht wegen einer überfüllten
Kirche auf den Vorplatz übertragen werden, anschließend fanden sich über
30.000 Menschen zusammen, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen. Und in
Interviews gaben gestandene Männer unter Tränen ihre Gefühle preis. Während
wir jetzt hier stehen, versammeln sich über 100.000 Menschen in Hannover zur größten
Trauerfeier in der Geschichte der Bundesrepublik seit dem Tode ihres ersten
Bundeskanzlers Konrad Adenauer 1967. Die ARD übertragen live. Keinem
der im Einsatz für unsere Sicherheit, unsere Freiheit, unseren Frieden
gefallenen Soldaten ist diese Anteilnahme zuteil geworden. Wie mögen sich heute
angesichts dieser Trauerfeier die Eltern, die Angehörigen der toten Soldaten fühlen? Und
wieder und doch und gerade deshalb stellt sich die Frage nach den Werten, nach
den Tugenden, von denen, wir uns leiten und führen lassen. Anlässlich
der Feierlichkeiten zum 50. EU-Geburtstag warf Papst Benedikt der EU vor, ihre
christlichen Wurzeln zu vergessen. Europa scheine mehr und mehr die Existenz
universeller und absoluter Werte in Frage zu stellen. Bei seinem Besuch in Paris
forderte der Papst, die Politik müsse sich der unersetzlichen Funktion der
Religion für die Gewissensbildung deutlicher bewusst werden. Bereits 2005
appellierte die damalige Kanzlerkandidatin Angela Merkel, die christlichen
Grundwerte hochzuhalten. Was
helfen uns diese Appelle am heutigen Tag? Hier,
bei den Gedanken um den Sinn des Volkstrauertages, sieht der ev. Pfarrer Manfred
Günther einen Beitrag, den jeder von uns leisten kann: Dass wir diesen Tag
nutzen, uns zu erinnern an alle, die wir verloren haben, dass wir uns besinnen,
was uns an ihnen lieb und wichtig war, dass wir auch darüber
nachdenken, was Kirche und Glaube uns bedeuten, uns noch bedeuten, dass wir uns
alles einmal neu vor Augen führen, was uns in unserem Leben an Halt, Trost und
Hilfe durch die Kirche und den Glauben geschenkt worden ist - und dass wir nach
Kräften auch unseren Nachkommen von diesem Halt, diesem Trost und dieser Hilfe
weitergeben und zugute kommen lassen durch unser erzählendes Zeugnis. Wir
brauchen das christliche Menschenbild als tragendes Fundament, allen scheinbar
widersprechenden Erfahrungen zum Trotz. Wir können der Opfer nur in Demut und
Ehrfurcht vor dem Leben, das im Sinne des christlichen Menschenbildes Schuld und
Vergebung, Gelingen und Sichverfehlen kennt, gedenken, wobei die Deutung der
Toten als Opfer impliziert, dass wir unser Handeln entsprechend den Motiven der
für die Gemeinschaft Gestorbenen ausrichten. Genauso wichtig ist es aber auch,
sich zu erinnern, wie und durch wen alles dieses begann. Wie können wir anders
lernen als durch Erinnerung? Denn wir wissen, dass Krieg und Vernichtung nicht
über uns gekommen sind wie ein Unwetter. Und weil wir den Krieg nicht
vergessen, übernehmen wir Verantwortung für den Frieden. Auch in Afghanistan!
Nach intensiven Diskussionen und nach reiflicher Überlegung hat sich die
Mehrheit unserer Volksvertreter für einen militärischen Einsatz entschieden
und damit deutlich gemacht, dass aus der Erinnerung Verantwortung erwächst.
Aber Frieden stiften durch Gewalt kann nur der erste, vorläufige Teil der
Verantwortung sein. Ein Militäreinsatz, und sei er auch noch so nötig und
gerechtfertigt, kann vor dem Hintergrund der großen Friedensvision nur ein mit
menschlicher Schuld behafteter, vorläufiger Notbehelf sein, darf niemals
selbstverständlich sein. Unsere christliche Hoffnung weist weiter: sie lebt von
der Vision des gerechten Frieden. Und dieser Frieden wird Wirklichkeit in
denjenigen, die sich auf Gott verlassen und in diesem Vertrauen handeln. Meine
sehr geehrten Damen und Herren, erinnern wir uns, was Jesus uns in der
Bergpredigt verkündet hat: Selig
sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden, Selig,
die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben, Selig,
die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden, Selig,
die Frieden stiften, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Ich
danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
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